Alles wahrhaft Große vollzieht sich durch langsames, unmerkliches Wachsen. (Seneca)
Neu beginnen. Aufbrechen zu neuen Ufern. Einen Neustart wagen. Irgendwann im Leben ist es an der Zeit, diesen Schritt zu gehen. Sei es, weil äußere Veränderungen ihn notwendig machen oder auch, weil man selbst etwas Neues gestalten möchte. Große Hoffnungen, aber auch große Ängste, können solch einen Neustart begleiten. Was wird kommen, wenn man Altes hinter sich lässt? Niemand weiß es im Voraus. Doch vielleicht ist gerade dieser Aufbruch ins Ungewisse ein Neustart ins Glück.
Wenige Wochen bevor ich mein Studium beendet habe (lange ist es her), brachte ich ausgeliehene Bücher zurück in die Uni-Bibliothek. Es war an einem Sonntag, und kurz zuvor hatte es geregnet. Als ich aus der Uni wieder herauskam, schien die Sonne, und am Himmel war ein Regenbogen zu sehen. Bis heute erinnere ich mich daran, was ich in diesem Moment dachte: Die ganze Welt steht mir offen.
Die bleibende Erinnerung an diesen Moment ist jedoch nicht nur dieser Gedanke von damals. Es ist vor allem das Gefühl, welches dieser Gedanke in mir ausgelöst hat. Freude war es. Ich fühlte mich mutig, stark und voller Tatendrang darauf, mir die Welt zu erobern. Viele Jahre sind seitdem vergangen. Und heute? Habe ich immer noch das Gefühl, die ganze Welt steht mir offen?
Ja, die Welt
steht mir offen. So empfinde ich es auch heute noch. Nach wie vor bin ich überzeugt davon, neu beginnen zu können, wenn es notwendig ist oder ich es selbst möchte. Inzwischen weiß ich jedoch auch, dass ein neuer Anfang Zeit benötigt. Er muss reifen und wachsen, um den bloßen Wunsch nach etwas Neuem – oder die Notwendigkeit zu einem Neuanfang – zu überdauern.
So, wie auch im Frühling nicht über Nacht alles wächst und blüht, kann auch ein Mensch nicht von einem zum nächsten Moment sein altes Leben über Bord werfen und ein neues beginnen. Wir wünschen uns das zwar oft und möchten am liebsten von jetzt auf gleich alles verändern. Doch bringt Geschwindikgeit immer auch tatsächliches, nachhaltiges Wachstum?
Ein Aufbruch
zum Neustart ist kein Wettrennen gegen die Zeit. Das habe ich selbst erfahren und auch bei anderen Menschen immer wieder miterlebt. Nicht der Schnellste kommt am besten voran, sondern der, der sich Zeit lässt. So paradox es klingen mag: ein Neustart beginnt meist nicht im Laufschritt, sondern eher unmerklich. Zunächst mit einem Gedanken an das, was noch sein könnte. Oder mit einem Wunsch, etwas in seinem Leben zu verändern, was nicht mehr zu einem passt. Manchmal ist es auch eher eine Sehnsucht nach etwas, das sich noch nicht genau beschreiben lässt.
Oft folgt vor dem Aufbruch eine Phase aus Vorfreude, Angst und Konfusion. Einerseits freut man sich auf den Neubeginn – andererseit hat man Angst davor, weil man nicht weiß, was kommt und ob das Neue gelingt. Je mehr man über das mögliche Scheitern nachdenkt, desto mehr Bedenken tauchen auf. Was ist, wenn dieses passiert und jenes nicht eintritt? Ist es nicht sogar leichtsinnig, etwas verändern zu wollen, was zehn, zwanzig, dreißig oder noch mehr Jahrzehnte lang ganz ok war? Was könnten andere von einem denken, wenn man scheitert? Ist man für einen Neustart nicht eigentlich schon zu alt?
Lauter Fragen, Sorgen und Ängste, die sich nicht einfach wegwischen lassen. Doch je mehr man sich auf sie einlässt, desto kleiner wird die Freude auf das, was man tun möchte und könnte. Und desto größer wird die Angst. Der Humorist Karl Valentin, den ich sehr mag, sagte: »Man sollte die Dinge nicht so tragisch nehmen, wie sie sind«. Diese Erkenntnis blickt nicht nur humorvoll auf das Leben, sie ist auch ermutigend. Ja, es gibt im Leben viel Tragik, viele Ängste, Sorgen, Zweifel und immer wieder auch Mutlosigkeit. Doch es gibt im Leben auch: Hoffnung, Zuversicht, Freude, Glück, Liebe und Schönheit.
Ein Neustart, wie immer er auch aussehen mag, beginnt mit einem erhobenen Kopf und mit dem Blick auf all das, was das Leben lebenswert macht. So dass man Schritt für Schritt diesen neuen Weg gehen kann – dahin, wo man hin möchte.
Sollte man auf dem Weg erkennen, dass die Richtung nicht mehr die richtige ist, kann man stehen bleiben, innehalten, nachdenken, nach einem anderen Weg suchen und auch umkehren. Nichts davon ist ein gescheiterter Neustart. Denn bei allen Schritten, die man unternimmt, kann man etwas lernen. Über sich selbst, über das Leben und über den Weg, den man gerade geht.
Jetzt, wo der Frühling begonnen hat, kann bereits ein Spaziergang sehr ermutigend für einen persönlichen Neubeginn sein. Überall entsteht neues Leben, ungeachtet dessen, was kommen mag. In der Natur ist dieser Kreislauf ganz natürlich: ein fortwährender Wandel. Immer, wenn etwas Altes vergeht, entsteht etwas Neues.
Wir Menschen sind Teil dieses natürlichen Kreislaufes – und wir können ihn mitgestalten. Für uns, für die Welt und für das Leben.
© Monika Thiel, Salonbrief 1/11